Die nächste Runde…

Man gibt sich Mühe, uns zu begegnen. Das ehrt uns. Seit knapp über einer Woche haben wir mit unseren Diskussionsanstößen zur Definitionsmacht eine auch für uns erstaunlich vitale Debatte auf indymedia.linksunten und einigen anderen Portalen losgetreten. Nachdem zunächst die Stimmung massiv gegen die alteingesessenen Strukturen gekippt ist, ziehen sich langsam aber sicher wieder die „Defma“-Verteidiger zusammen und sorgen für Schadensbegrenzung. Das gelingt ganz gut, dann der erste Dampf ist raus und keiner hat mehr so recht Bock, zu widersprechen. Das geht uns genau so. Auch wenn es von außen nicht ersichtlich ist: Das gewissenhafte Verfassen dieser Interventionstexte ist viel Arbeit und frisst Energie. Aber wir sehen, dass die Leute unsere Einwände ernst nehmen und sich daran orientieren. Deswegen möchten wir sie nicht alleine lassen, auch wenn wir im Grunde genommen den Punkt erreicht sehen, an dem das Nötigste gesagt worden ist. Wir schicken gleich vorweg: Einiges von dem, was im Anschluss an unsere Texte geäußert wurde, ist polemisch, unhöflich, beleidigend und plump. Das ist ärgerlich, denn wir haben uns große Mühe gegeben, diese Debatte nicht „szene-typisch“ zu führen: Wir sehen die Frage nach frauenfeindlicher und sexistischer Gewalt nicht als Sache von Lagerzugehörigkeit. Wir drängen darauf, sie nach ethischen und menschlichen Grundsätzen zu beantworten, anstatt primär nach politischen Kategorien. Wer auf eine vielschichtige Kritik an der Definitionsmacht antwortet: „Ja, aber – Definitionsmacht!“, der äußert sich nicht argumentativ, sondern dogmatisch. Ganz recht: Unsere Texte richten sich an den Feminismus, gegen die Definitionsmacht und gegen autonome Selbstgewissheit – wer das nicht vertragen kann, dem können wir nichts mitteilen. Nichts ist schon deswegen gut, weil es „Freiraum“ ist oder bisher immer so gemacht wurde. Wir möchten an dieser Stelle nicht auf jedes Für und Wider eingehen, dass in der letzten Zeit eingeworfen wurde. Wir werden einige in unseren Augen zentrale Argumente herausgreifen, die bislang noch nicht (ausreichend) behandelt wurden.

Die Definitionsmacht funktioniert nicht. Darin sind sich alle einig. Wir sagen: Sie funktioniert nicht, weil sie keiner einsieht, annimmt und umsetzen möchte – aus guten Gründen! Die Anderen sagen: Sie funktioniert nicht, weil sie keiner einsieht, annimmt und umsetzen möchte – ändert das gefälligst! Das ist entscheidend. Jedes mal, wenn die Leute für die Definitionsmacht streiten, gehen sie wie wir davon aus, dass sie anscheinend bislang nicht gut umsetzbar ist. Die Vertreter der Definitionsmacht behaupten zwar dann und wann, sie würden Fälle kennen, in denen alles gut gegangen wäre: Erst wurden sexuelle Grenzen überschritten (man muss sich vorstellen: das ist zumindest theoretisch für die Definitionsmacht Teil eines Idealverlaufs!). Dann hat man selbst oder die „Unterstützer_innen“ den Täter konfrontiert und er ist stillschweigend von der Bildfläche verschwunden, oder was auch immer man von ihm verlangt hat. Danach hat keiner blöd gemunkelt und die vorab Betroffene konnte nach einiger Zeit der Verarbeitung wieder ihren gewohnten Geschäften nachgehen. Der einzige Grund, warum das nicht bekannt geworden ist, liegt darin, dass man es nicht bekannt gemacht hat, um die Betroffene nicht in eine prekäre Situation zu bringen. Wir denken, wir sprechen für die Mehrheit, wenn wir sagen: Das können wir uns kaum vorstellen. Zugegeben, das ist keine besonders gut streitbare Haltung zu einem Argument, das auf Vertrauensvorschuss beruht. Zum einen schränken aber die Leute selbst sehr schnell ein: In einem aktuellen Debattenbeitrag „aus Betroffenensicht“ geht es eigentlich die ganze Zeit darum, dass die Verfasserin schlechte Erfahrungen gemacht hat. Selbst die aktuelle Diskussion wird in ihren Augen von den „falschen“ Leuten getragen. Zum anderen sind auch wir selbst in den Zentren linker Politik lange zuhause. Wir haben persönlich ein paar Dutzend Fälle aus direkter Nähe und etwas Entfernung (wir beteuern: sogar als selbsterklärte „Betroffene“) beobachtet, in denen die „Defma“-Prinzipien zur Anwendung kamen – als Grundlage von Rausschmissen, Hausverboten oder auch Szeneausschlüssen. In keinem dieser Fälle ging die Sache „sauber“ über die Bühne. Irgendwer hat immer ganz bös‘ die Arschkarte gezogen: Meistens waren es fast alle Beteiligten. Auch das muss man uns nicht glauben – aber im Gegensatz zu den Beobachtungen der „Defma“-Verteidiger können einfach sehr, sehr viele Leute unsere Erfahrung aus ihrer eigenen bestätigen. Wir mutmaßen: Es sind mehr als diejenigen, die positive Bilanz ziehen. Womit wir wiederum bei der Frage der Funktionalität wären:“Nach meiner Beobachtung gibt es im Ernstfall kein Chaos, wenn Definitionsmacht gilt. Wirkliche Probleme gibt es hingegen, wenn ein Fall innerhalb von Gruppen thematisiert wird, in denen Defma nicht oder nur von einem Teil der Leute anerkannt wird. Spaltungen kann es nur dann geben, wenn ein Teil der Leute zu einem (meist nicht einmal einsichtigen) Vergewaltiger hält und nicht zur betroffenen Person.“ Das sagt die oben genannte Autorin, die auf die Debatte dankenswerterweise sehr nüchtern reagiert hat, auch wenn sie sich davon persönlich sehr stark betroffen fühlt. Wir stimmen der Ausführung zu: Wenn jeder auf der Welt die Definitionsmacht zur Grundlage machen würde, dann wäre sie bestimmt ein tolles Konzept. Das Problem ist: Genau so ist es ja nicht! Und dabei ist es bedauerlicherweise sogar egal, ob die Leute aus sexistischen, aus humanistischen Beweggründen oder aus Gleichgültigkeit nicht mitspielen. Und wenn man das obrige Zitat beim Wort nimmt, dann gibt es im Fall der Fälle gleich zwei unbekannte Variablen: Ist der Täter „einsichtig“? Und: Ist sein Umfeld „einsichtig“? Wir möchten noch ergänzen: Verhält sich die Unterstützergruppe „richtig“? Und der Rest der Szene? Und die Familie? Und die Freunde? Und zu guter Letzt: Verhält sich das „Opfer“ von nun an dauerhaft entsprechend den Erwartungen der Anderen? An anderer Stelle betont auch die Verfasserin selbst: „Leider existiert auch in der linken Szene die Vorstellung, dass es ein „richtiges“ Verhalten für Betroffene sexualisierter Gewalt gibt. Weicht eine Person von diesem vorgeschriebenen Weg ab, wird ihr häufig nicht mehr geglaubt. Dieses Bild entspricht im Wesentlichen dem, was auch die bürgerliche Gesellschaft von Vergewaltigungsopfern erwartet: (…) Wer sich daran nicht hält oder diesem Bild nicht entspricht, deren Glaubwürdigkeit wird angezweifelt.“ In jedem Fall das immer gleiche Spiel: Zig andere Menschen müssen sich adäquat verhalten, sonst kommt sie Sache beträchtlich ins Wanken. Wenn man zu diesem Zeitpunkt psychisch stark in die Sache verstrickt ist, dann kann das „Fehlverhalten“ der Anderen leichte bis sehr schwere emotionale Beeinträchtigungen zur Folge haben.

Man kann uns erwidern: Ja, aber da kann man ja gleich seine Sachen packen und irgendwo sein individualistisches Süppchen kochen! Wir können doch nicht den Täterschützern und Sexisten das Feld überlassen! Wir antworten: Keinem ist damit geholfen, sich auf vermeintliche Rechtsansprüche zu berufen. Man kann ein Bonsai-Bäumchen ganz lange anschreien, dass es wachsen soll, aber das wird es nur tun, wenn man seine natürlichen Wachstumsbedingungen berücksichtigt. Ist es den Vertretern der Definitionsmacht noch nie aufgefallen? Die meisten ihrer Sympathisanten haben sie, wenn man sich mit ihrem Anliegen identifizieren kann: Die Antifa-Jungs finden’s geil, wenn sie „Täterschützern“ auf die Fresse hauen dürfen und dafür Anerkennung kriegen und die FLT*-Mädels finden’s schön, wenn sie ein harmonisches und rücksichtsvolles Umfeld vorfinden und ein ernstzunehmendes politisches Feld beackern können. Auch wenn man es „antifeministisch“, bürgerlich, opportunistisch finden mag: Aber die Menschen reagieren nach rund zwei, drei Jahrzehnten Erziehung und Sozialisation in kapitalistischer Umwelt gemäß sehr merkwürdigen und kontra-intuitiven Beweggründen. Man kann ihnen so oft, wie man mag, vor den Latz hauen, dass sie doof sind – Interesse entwickeln sie erst, wenn sie sich gemäß dieser Beweggründe angesprochen fühlen. Darüber kann man mit uns glücklicherweise gar nicht groß diskutieren, denn diesen Sachverhalt kann jedes Menschenkind bestätigen – ganz egal, wie man es bewertet. Und wir sehen es ähnlich wie einige Kommentatoren der kleinen „rape culture“-Debatte auf linksunten: Vergewaltigung genießt in der Mehrheitsgesellschaft, in Subkulturen, selbst in der organisierten Kriminalität einen ausgesprochen schlechten Ruf. Selbst in den düstersten Gefilden der Internet-Community wie dem Darknet oder weitgehend anonymen Kommentarleisten auf russischen Porno-Servern wird der Ton schnell schärfer, wenn sich Kinderschänder oder Überzeugungsvergewaltiger zu Wort melden. Es gibt Leute, die virtuelle Fallen für „Pädophile“ stellen, um sie eigenständig zu misshandeln. Es gibt sicherlich mehr Psychopathen, als man denken und hoffen könnte – aber repräsentativ und mehrheitstauglich ist ihre Weltsicht nicht. Zugegeben: Die Mehrheit der Gesellschaft hat überzeichnete Vorstellungen davon, wie so eine prototypische Vergewaltigung aussieht. Aber wenn die „rape culture“-Theoretiker behaupten, sexuelle Gewalt wäre an der Tagesordnung, weil Brüderle nicht per Definitionsmacht aus dem politischen Amt gekickt wurde, dann ist das schon reichlich schief argumentiert. Wir wissen es aus eigener Erfahrung: Es tut gut, wenn man sich als letzte Instanz im Kampf gegen eine durchweg verdorbene Gesellschaft fühlen kann. Wir wissen aber auch: Meist muss man dafür ganz schön übertreiben. In der bundesdeutschen Gesellschaft gibt es sehr verschiedene Tendenzen: In manch einer Beziehung besteht eine außergewöhnlich konsensfähige Ablehnung von Sexismus. Wir alle sind ja schließlich Kinder unserer Eltern und haben ein Werteempfinden, dass uns augenscheinlich für die Kritik sexistischer Ungerechtigkeiten empfänglich macht. Wer sich per #Aufschrei äußert, hat damit in deutschen Großstädten keine öffentliche Ächtung zu erwarten – die Nachbarn ermahnen womöglich zur Mäßigung, aber kaum jemand wird sagen: Aufdringliches Antanzen von Frauen, die das nicht wollen, finde ich eigentlich ganz okay. Und immerhin hat letztlich eins der größten deutschen Nachrichtenmagazine den „Fall Brüderle“ überhaupt erst öffentlich gemacht. Und die in diesem Fall „Betroffene“ hatte die Floskel „dirndltauglich“ selbst gegenüber einer anderen Frau verwendet. Darauf hingewiesen haben ausgerechnet „Bild“ und „Focus“. Das ist ein nicht auflösbarer Matsch aus potentiellen SexistInnen und eventuellen SexismusgegnerInnen. Kein Mensch kann da guten Gewissens sagen: Sieh nur hin, sie alle stellen die „Perspektive der Betroffenen“ in Frage. Viel wahrscheinlicher: Es ist ein politischer und journalistischer Machtkampf, in dem es letztendlich nur um das stupide narzisstische Partikularinteresse geht, das der marktwirtschaftliche Mensch jeder einfühlsamen und vernünftigen Regung in sich vorziehen würde. Die Meinungen darüber, was in welchem Maße vertretbar ist, gehen also auseinander: Dass hierzulande in der kriegsfreien Zeit eine breit inszenierte Kultur zur Relativierung von sexueller Gewalt existiert – das halten wir jedenfalls für stark übertrieben. Es gibt eine Menge unübersehbarer Scheußlichkeiten. Aber man kann sie präziser kritisieren, wenn man sie im richtigen Kontext behandelt und – wiederum – an das Identitätsbewusstsein der Kritisierten appelliert. Dabei muss man manchmal den Kopf beisammen halten, wenn eigentlich der Bauch das Kommando übernehmen möchte: Aber das endet nach unserer Erfahrung häufiger, als einem lieb ist, in der altbekannten Rauswurfsituation mit den zehn Vermummten und den Quarzsandhandschuhen, von der wir mal gesprochen hatten. Es ist im Übrigen keine Übertreibung, wie vermutet wurde: Solche Szenen haben wir mehr als nur einmal unmittelbar beobachtet. Noch einmal: Die Situation wird nicht klarer dadurch, dass man sie schwarz malt. Die politische Kunst liegt darin, so weit es geht zu differenzieren und im richtigen Moment zu verallgemeinern. „rape culture“ mag irgendwann einmal eine solche Verallgemeinerung zur rechten Zeit gewesen sein: Angewendet auf die politische Gegenwart der Bundesrepublik wird einem jeder Normalmensch mit gutem Recht den Vogel zeigen.

Die Leute sind verärgert, dass wir es so sehr mit der Bürgermoral halten. Ein Weblog mit Namen „streetsfightback“ hat uns vorgehalten, wir würden normale Beziehungen für „vorbildlich“ erklären, obwohl sie doch „meilenweit von emanzipatorischer Praxis entfernt“ seien. Wir fragen: Ist „gesellschaftlich verbreitet“ per se gleichbedeutend mit „verwerflich“? Die Frage ist doch: Warum ist etwas „emanzipatorisch“ oder auch nicht? Wenn etwas allen beteiligten Menschen ein gutes Gefühl erzeugt und sie dabei halbwegs Authentizität ausstrahlen: Dann gehen wir, ehrlich gesagt, davon aus, dass diese Sache für sie eine ganz gute Angelegenheit ist. Die Leute haben häufig ein schlechtes Gewissen, dass der Sex nach der 50-Stunden-Woche nicht so atemberaubend ist wie in „How I met your mother“ angepriesen – aber die Einvernehmlichkeit wird so gut wie nie angezweifelt. Wir haben uns ins Feldexperiment begeben: Die Nicht-Autonomen haben häufig Spaß am Sex. Sehr großen sogar. Sie versichern, dass sie auf ihrer vollen geistigen Höhe sind und eventuell auftretende Konflikte ganz gut untereinander und notfalls unter Einschaltung ihrer Freunde oder der Polizei regeln können. Natürlich kommt es bei ein paar Millionen Menschen zu reichlich Situationen, auf die das nicht mehr zutrifft. Und manche Dinge sind sogar struktureller Natur. Aber unter‘m Strich scheinen sie „uns“ damit ein ganzes Stück voraus zu sein. Ein Wort zu Polizei und Justiz: Man hat unsere Ausführungen teilweise dahingehend missverstanden, dass wir es mit dem Rechtsstaat halten. Das ist nicht der Fall. Wir kennen tausende Fälle, in denen Ungerechtigkeit, Gewalt, Bedrohung völlig ungesühnt bleiben, weil die Gesetzeshüter nichts zur Situation beitragen können, außer ihr hooliganähnliches Auftreten. Wenn einer dem anderen auf die Schnauze haut und es ist kein halbwegs glaubwürdiger Zeuge vor Ort, dann ist diese Sache meist im juristischen Sinne nie geschehen. Selbst schwerwiegende Eingriffe in die körperliche Unversehrtheit, im Nachtleben beispielsweise, werden in der Regel nicht investigativ und konsequent verfolgt. Wie auch? Polizei und Gerichte sind Berufszweige und Berufe dienen nicht vorrangig dem äußeren Zweck sondern dem Überleben der Berufsbetreibenden. Und die Umsetzung rechtlicher Grundsätze bis in den Einzelfall hinein ist ein häufig total willkürlicher Vorgang. Das gilt selbstredend auch für den Bereich sexueller Konflikte. Trotzdem: Es geht um die tatsächliche Qualität eines bestimmten Verhaltens, nicht um unsere Zugehörigkeit zur autonomen Kaste. Wenn sich eine Vorgehensweise als praktikabel erweist, dann sollten wir darauf nicht aus Prinzipiengründen verzichten. Und die Bürger schlagen sich häufig gar nicht so schlecht. Womit wir zu einem wichtigen Punkt kommen: Verschiedentlich wurde geäußert, wir würden keine ausreichenden Gegenvorschläge machen. Wir waren es bislang gewohnt, dass man Verbesserungsvorschläge in der Szene eher umschifft: Im Einklang mit der „Kritischen Theorie“ hat man ja immer so gerne gesagt, Kritik müsse nicht konstruktiv sein. Wir finden das in dieser pauschalen Form zwar auch etwas sehr einfach, aber es ist etwas dran: Sind wir dafür verantwortlich, ein Gesamtkonzept für sämtliche autonomen Strukturen zu entwickeln? Woher sollen wir wissen, was bei wem funktioniert? Wir sind eben nicht die Definitionsmacht, die alles kontextlos behandeln möchte. Wir haben es schon mal angedeutet: Die Verhinderung von psychischen und physischen Verletzungen spielt sich auf sehr individueller Ebene ab. Wie jemand den Mut entwickeln kann, sich zu wehren und wie jemand das Einfühlungsvermögen entwickelt, die Grenzen anderer Menschen so früh wie möglich zu erkennen: Das erfordert einen Blick ins eigene Leben! Wir haben für euch ein bisschen über Safewords und andere Techniken der BDSM-Community philosophiert. Vielleicht hilft das dem ein oder anderen. In der selben Szene werden zum Teil minutiöse Verträge darüber formuliert, was sein darf und was nicht. Wer das für sinnvoll hält: Gern geschehen. Vielleicht möchten auch einige Leute ihr „Zustimmungskonzept“ beibehalten. Wenn man das vorher ausdrücklich und in voller Konsequenz verständlich macht, dann wird das womöglich manche Menschen auch befriedigen. Wir finden das nicht sexy und würden uns mittlerweile von Leuten mit solchen Gewohnheiten eher fern halten. Zu groß wäre unsere Sorge, dass man sich damit auf eine Verabredung einlässt, bei deren versehentlicher Verletzung man im öffentlichen Raum durch Flugblätter geoutet wird. Inakzeptabel finden wir es allerdings, wenn die linke Szene einfach behauptet, dieser Ansatz wäre umstandslos gültig: Er ist es nicht und wird es außerhalb klar abgesprochener Kreise auch niemals sein. Das kann man doof finden, aber es ändert sich nicht dadurch, dass man einfach so tut, als wäre es anders. Und wer andere Leute bezichtigt, nicht ausreichend die eigene – ihm unbekannte – psychische Vorgeschichte berücksichtigt zu haben, der wird damit in manch einer Antifa-RZB noch Erfolg haben, aber spätestens beim größtenteils unpolitischen Punk-Konzert wird das für große Verwirrung sorgen. Im Gegensatz zum „Schweigen heißt ‚Nein‘“-Konzept, kann man sich bei halbwegs klaren Vorvereinbarungen auf eben diese Vereinbarungen beziehen. Noch viel wichtiger: Wer sich selbst vom klaren „Nein“ und notfalls zu körperlicher Gegenwehr begibt, der bringt das Geschehen ins Bewusstsein des Aufdringlichen. Auch wenn man sich wünschen würde, dass jeder Mensch doch sensible Antennen hätte: Es ist der wesentlich sicherere Weg, wenn man davon nicht ausgeht, bevor es zu spät ist. Noch etwas Wichtiges: Nach unseren Beobachtungen gibt es im Mainstream tatsächlich allerlei Grenzspielchen mit der Einvernehmlichkeit. Unter vielen Frauen und Männern ist es völlig normaler Bestandteil ihrer sexuellen Balz, mit Verweigerung und wiederholter Annäherung zu spielen: Das geht bis hinein in den Bereich sprachlich vermeintlich völlig eindeutiger Ablehnungen. Glaubwürdigen Aussagen zu Folge ist es für manche Frauen regelrecht enttäuschend, wenn sich ihre Verehrer davon abschrecken lassen. Auch wir halten das für völlig vertretbar. Wenn man auf solche Dinge allerdings massiv allergisch reagiert, dann sehen wir auch hier die wirksamste Methode darin, völlig unmissverständliche Ablehnungsgesten einzustudieren. Auch wenn wir es in unseren paradiesischen Vorstellungen gerne anders hätten: Die Vermeidung von Gewalt, gleich welcher Art, ist eine Aufgabe, der wir uns alle auch persönlich zu stellen haben, wenn wir nicht regelmäßig böse Überraschungen erleben wollen. Und das ist auch deswegen entscheidend, weil es den völlig überzogenen Begriff des „Täters“ in ein anderes Licht rückt: Klare Artikulation macht aus einer fahrlässigen eine vorsätzliche Verletzung. Erst an dieser Stelle macht es überhaupt halbwegs Sinn, im moralischen Sinne von „Schuld“ zu sprechen. Diesen Punkt bitten wir, in vollem Umfang zu bedenken, bevor man über „Täterarbeit“ mit Männern philosophiert, die mehrfach gewalttätig vorgeschädigte Frauen durch ihr Verhalten „irgendwie“ an vorher Erlebtes erinnern: Die ganze „Trigger“– und „Flashback“-Theorie vergisst nämlich meist, dass die Wahrnehmung psychisch geschädigter Menschen kaum kalkulierbar ist. Einem Depressiven kann der Anblick eines rumschimpfenden Obdachlosen eine halbjährige Krise bescheren, bei einem Vergewaltigungsopfer mag eine intime Berührung oder bloß eine bestimmte Physiognomie eines Menschen dasselbe herbeiführen. Entscheidend ist, dass man das menschliche Miteinander nur in gewissen Grenzen auf eine solche Sondersituation einstellen kann: Den Betroffenen ist allenfalls kurzfristig damit geholfen, wenn man ihnen eine halbwegs tragfähige psychische Eigenentwicklung abnehmen möchte.

Was ist nun, wenn es nicht geklappt hat? Man hat Konzepte zugrunde gelegt und ein stinkiger Typ hat sich einfach über die Vereinbarung hinweggesetzt? Nun, das ist ja der interessante Punkt: Klare Vereinbarungen im Vorhinein und deutliche Kommunikation währenddessen verringern, wie erwähnt, die Uneindeutigkeit danach. „Ich habe von Anfang an da gelegen und mich nicht bewegt.“ akzeptiert kaum jemand als Beschreibung einer Vergewaltigung. „Ich hab gesagt: ‚Schluss jetzt! Ich mach keinen Spaß! Ich möchte DAS nicht!‘ und habe ihn weggedrückt.“ – damit kann zwischendrin und später eigentlich jeder was anfangen: Wer soll denn das auch nicht glauben? Im Gegensatz zu Kachelmann stehen wir doch meist nicht im Lichte der Öffentlichkeit und müssen uns jede Vorabendkrimi-inspirierte Rechtsauffassung zum eigenen Fall anhören. So etwas lässt sich mittlerweile viel glaubwürdiger vermitteln, wenn man gerade nicht auf die Definitionsmacht Bezug nimmt. Gerade bei „Defma“ denken sich die Leute mittlerweile: „Ach, schon wieder sowas. Dann kann ja nicht so schlimm gewesen sein, sonst würde hier doch mal Klartext gesprochen.“ Mit Verlaub, es ist schwierig, darüber böse zu sein, wenn man bedenkt, was für Unsinn schon unter dem Label verkauft wurde. In diesem Sinne glauben wir zumindest, dass irgendwelche Pauschalempfehlungen völlig fehl am Platze sind. Wenn sich alles wieder etwas gelegt hat, dann finden sich wieder natürliche Umgangsweisen ein. Die Linke hat doch alle paar Jahrzehnte obskure Streits zwischen verschiedenen Weltanschauungen: Noch in der letzten Generation musste man sich entscheiden, ob man Knieschüsse für ein probates Mittel des antiimperialistischen Kampfes hält oder doch lieber auf Sitzblockaden setzt. Man hat sich auf ein semi-militantes Zwischending geeinigt und genau so läuft es bei fast allen angeblich alternativlosen Entscheidungssituationen: Irgendwann pendelt es sich ein bis zur nächsten Sinnkrise. Noch ein abschließendes Wort zur sozialen Komponente: Die Leute haben sich daran gestoßen, dass wir die Definitionsmacht für Zwietracht und Streit verantwortlich machen. Man könne ja wohl Frauen nicht Gemeinschaftsschädigung vorwerfen, wenn sie Vergewaltigung zum Thema machen. Das Argument ist trügerisch. Die Definitionsmacht erfordert im Gegensatz zu simplem menschlichen Vertrauen völlige Hingabe. Es gibt nur Für und Gegen. Darin liegt die eigentlich a-soziale Kraft von „Defma“ und das ist tatsächlich ein großes Problem. Auch wenn das die Apologeten gerne hätten: Die Artikulation einer Vergewaltigung und die Nutzung von Definitionsmacht sind nicht identisch. Die Definitionsmacht hat „Zustimmungskonzept“ im Vorhinein, Sanktionshoheit im Nachhinein und neuerdings auch Bestimmungsgewalt über jedwede Form von sexueller Gewalt überhaupt mit eingeschmuggelt. Dass da Konflikte entstehen, ist eigentlich nur naheliegend. Die Leute lieben die Eindeutigkeit eines „Don‘t tell women what to wear, tell men no to rape“. Es ist aber bescheuert, sich darauf zu verlassen, dass die Zustände bereits so sind, wie man es will, nur weil man es gesagt hat. Es war lange Zeit üblich, dass Feministen sich gegenseitig Kampfsport und Behauptungstechnik beigebracht haben. Damit sind reichlich Frauen in die Situation gekommen, sich gegen eine unzureichende Außenwelt zur Wehr zu setzen. Ihr großer Vorteil: Das wurde ihnen selbst zugetraut. Kein Mensch sollte etwas dagegen einwenden, dass man das sexuelle Feingefühl der Leute zu verbessern versucht. Aber ob man eine Vergewaltigung in der Biographie hat, sollte man davon nicht abhängig machen.

Schützt Opfer und Täter vor der Definitionsmacht!

Kaum 48 Stunden sind vergangen, seit wir ein kleines Manifest mit dem Titel „Keine Definitionsmacht für Niemand!“ veröffentlicht haben. Nach unseren Beobachtungen trifft das Geschilderte einen Nerv: Die Zugriffszahlen unseres Blogs überraschen uns doch – die Statistik des Indymedia-Artikels können wir dabei natürlich noch nicht mal mit erfassen. Der Text wird vielseitig virtuell herumgereicht, gelobt und überwiegend fair und freundlich kritisiert. Die Leute fühlen sich angesprochen und zur Diskussion ermutigt: Das freut uns, auch wenn wir selbstverständlich nicht alle dabei geäußerten Positionen teilen. Es scheint notwendig, dem Problem auf den Grund zu gehen und einige Facetten genauer zu behandeln. Wir machten schon in unserer ersten Veröffentlichung keinen Hehl daraus: Wir wollen die Definitionsmacht nicht retten. Die Leute nehmen sie eh nicht mehr ernst. Wir wollen auch nicht ihre „Entstehungsbedingungen“ reflektieren, wie man gefordert hat: Das führt in unseren Augen nur auf das viel zu lang für gültig gehaltene Argument, man hätte halt „keine Alternative“. Das ist nicht wahr. Es gibt immer Alternativen, für alles. Und keine vermeintliche Alternativlosigkeit rechtfertigt systematisch herbeigeführtes oder in Kauf genommenes menschliches Leid. Wir werden uns nicht in eine „Debatte“ hineinziehen lassen, ob nicht dieser oder jener Schaden durch den anderswo vermiedenen gerechtfertigt sei: Das ist absolut inakzeptabel! Wir haben nach wenigen Stunden Online-Diskussion festgestellt, dass man unseren Text zum Teil mit anderen Schwerpunkten liest, als wir es intendiert hatten. Dabei treten gute Aspekte zutage, aber manches geht unter. Wir wenden uns entgegen unseren ersten Absichten also noch mal an die Öffentlichkeit, um einiges zu präzisieren und sogar strategische Andeutungen zu machen. Die Zeit zu weiteren Beiträgen werden wir vielleicht nicht noch mal finden. Womöglich werden wir dabei ein paar unserer Sympathisanten verlieren. Aber das Folgende ist uns wichtig!

Wir haben zuletzt darauf insistiert, dass die Definitionsmacht ganz besonders schwerwiegende Folgen für diejenigen hat, die sie ihrem eigenen Anspruch nach schützen will. Wir haben darauf hingewiesen, dass sie oftmals das überhaupt erst hervorbringt, was sie im Anschluss erträglich machen möchte. Es wurde von Anderen ergänzt, dass kein Gerichtsverfahren dieser Welt „retraumatisierender“ sein könnte als das, was „Betroffene“ in „unseren Kreisen“ zu erwarten haben, wenn sie mit kryptischen „Defma“-Pamphleten den sozialen Ausschluss einzelner Personen einfordern: Dem stimmen wir vorbehaltlos zu. Das Argument, die „Betroffenen“ würden dadurch irgendwie „ihrer Subjektivität gewahr“, ist zynisch und falsch. Wir kennen keinen Fall, in dem jemand vorbehaltlos gestärkt aus den Eskapaden einer Aufarbeitung durch „Unterstützerarbeit“ hervorgegangen wäre: Selbst im anonymen Internet äußert sich so gut wie niemand dergestalt. Jede bürgerliche Opferhilfe kann den Medien schneller jemanden vorweisen, der die eigenen Fortschritte glaubhaft versichert. Wir glauben gar nicht, dass die Psychologen oder das familiäre Umfeld dabei zwangsläufig besser behilflich sein können. Aber wir glauben, dass die meisten Menschen schwierige Situationen besser bewältigen können, wenn man ihnen unvoreingenommen und aufmerksam zuhört, sich in sie hineinversetzt und sie dabei unterstützt, ihre Konflikte besser verständlich und beeinflussbar zu machen. Auch wenn es manche nicht gerne hören wollen: Für viele Menschen ist es angenehmer, sich nicht als „vergewaltigt“ zu empfinden, als es zu tun. Die Verarbeitung intimer Probleme ist eine höchst individuelle Angelegenheit: Klar, „theoretisch“ mag es vorkommen, dass jemand gerne lauten Krawall veranstaltet und per Unterstützergruppe wen auch immer über den Vorplatz vom besetzten Haus prügeln lässt. Es wird dadurch aber keineswegs ethisch verantwortbarer oder gar vorbildhaft für Menschen in (scheinbar) ähnlichen Situationen. Vor allem tun sich die Initiierenden damit normalerweise keinen Gefallen. Wir glauben, dass man mit gesellschaftlich üblichen Methoden weiter kommt, als man denkt. In den meisten Fällen, die man am WG-Tisch oder anderswo hinter vorgehaltener Hand mitbekommt, erreichen die Vorfälle keinen Schweregrad, der das Einschalten der Behörden sinnvoll macht. Wir gehen sogar davon aus, dass viele „Fälle“ ohne die Definitionsmacht keinen besonderen psychischen Einfluss auf die beteiligten Personen haben würden. Bei Vorkommnissen, die sich so sehr im definitionsmächtelnden Graubereich bewegen, dass man sie außer bei politisch vollüberzeugten Gesinnungsgenossen nicht mehr verständlich machen kann, empfehlen wir zumindest noch die ein oder andere unabhängige Meinung. Wenn jemand sich einem Anderen gegenüber wirklich wie ein Arschloch im Bett aufgeführt hat und halbwegs klar artikulierten Widerwillen gebrochen hat, dann ist das eigentlich meist ganz gut auch normalen Menschen vermittelbar. Wir sehen gute Optionen darin, in vertrauter Atmosphäre darüber zu sprechen, was eigentlich passiert ist, wenn jemand Unsicherheiten entwickelt hat. Wie in allgemeinen Beziehungsfragen auch, erleben wir Verfasser es als die halbe Miete der Verarbeitung, wenn uns gute Freunde versichern, dass wir mit dem Problem nicht alleine dastehen: Häufig haben andere Menschen gute Vorarbeit geleistet, intime Verletzungen innerlich zu überstehen. Manchmal verpufft selbst ein schwerwiegendes Problem, wenn einem ein Vertrauter eine neue Sichtweise ermöglicht. Fest steht: Jeder menschlich einfühlsame Umgang mit ambivalenten Stimmungen ist besser als die aufgepeitschte Hysterie einer innerlinken Hausverbots-Diskussion und das anschließende Zittern, ob und wie lange der „Täter“ die Geschichte wohl mitmacht. Wir unterstreichen es noch einmal: Wir glauben nicht, dass man den aus ihrer Sicht „Betroffenen“ tatsächlich einen Gefallen damit tut, wenn ihre „Täter“ zum Verschwinden gebracht werden sollen. Nicht so lange es um „Übergriffe“ geht, die sie vermutlich spätestens in zwanzig Jahren selbst nicht mehr als solche einstufen würden.

Noch etwas, das man bei der erregenden Wirkung eines Definitionsmacht-Streits gelegentlich vergisst: Die Folgen für das Sexualleben, das wir alle gerne miteinander teilen wollen. Anders als unsere letzten Vorfahren pflegen wir Kinder des 21. Jahrhunderts sehr viele intime Beziehungen. Besonders in autonomen Kreisen wird bekanntermaßen wild durcheinander gefickt. Den Bundesbürger mit seinen sechs bis zehn Sexualpartnern im Leben dürften die meisten Antifa-Jungs und -Mädchen schon mit Anfang 20 abgehangen haben. Allein dieser hohe Durchschnitt erhöht die Wahrscheinlichkeit immens, dass man dabei reichlich schlechte Erfahrungen sammelt, da sehr unterschiedliche Persönlichkeiten, Wünsche, Vorgeschichten aufeinanderprallen. Man hat deswegen in vergangenen Pro-Definitionsmacht-Texten davon gesprochen, dass man gar vermutet, nicht einvernehmliche Sexualität sei in der Mehrheitsgesellschaft der normale Standard. Diese Einschätzung können wir nicht teilen: Vielmehr erscheint es uns so, dass in linker Subkultur seit einigen Jahren eine Sensibilität aufgebaut wurde, die den Menschen regelrecht verunmöglicht, einvernehmlichen Sex durch halbwegs natürliche Umgangsformen entstehen zu lassen. Jede zweite Frauenzeitschrift empfiehlt ihren Leserinnen, im Bett „auf den Bauch zu hören“ und Unzufriedenheit gegebenenfalls zu artikulieren. Die linke Szene empfiehlt: Abwarten, ob der Partner sich zum Nachfragen bequemt, gegebenenfalls Schweigen, Aushalten und im Nachhinein mit seinen Freunden eine elaborierte Mail über den internen Verteiler jagen. Das ist Wahnwitz! Wenn man schon den Leuten nicht genug vertraut, ihre Grenzen selbst zu definieren und zu verteidigen, dann braucht es einen innerlinken Sexualitätsdiskurs, in dem die Worte „Schwanz“ und „Muschi“ wenigstens mal auftauchen, damit man sich über die gemeinsame technische Handhabung offen und ehrlich austauschen kann. Das ganze abstrakte Gerede trifft ja wohl kaum die Realität im eigenen Lusthaushalt. Schrecklich, diese ganzen verkrampften Beziehungsgespräche, in denen sich stundenlang darüber ausgetauscht wird, ob man sich jetzt eigentlich beim Schlafen ankuscheln dürfe oder ob das bereits „übergriffig“ sei. Ist es denn wirklich ernst gemeint, dass man jungen Menschen permanente Fragespielchen im Bett empfiehlt, während jeder Zwölfjährige realistischeres Sexualwissen per Smartphone aus Amateurpornos bezieht? Jeder bürgerliche Sexualratgeber empfiehlt Frau und Mann, dass man sich nicht unsensibel gegenseitig mit neuen Sexualpraktiken überrollen soll. In jedem Swingerclub oder Homo-Darkroom gelingt es den Leuten halbwegs, das Schlimmste an intimen Verletzungen zu vermeiden. Jeder BDSM-Stammtisch hat überzeugendere Konzepte, das sexuelle Spiel einvernehmlich auszukosten, ohne den Spaß daran zu verlieren. Nur im linken Schlafzimmer pflegt man einen neurotischen Konservativismus, um den Satan Vergewaltigung nicht heraufzubeschwören. Und das Absurdeste ist, all die investierte Energie schlägt ins genaue Gegenteil um: Die vielen Annikas und Matthiasse erleben überdurchschnittlich häufig psychische Einbrüche, werden häufig für Jahre in ihrer sexuellen Lust beeinträchtigt, weil sie Erotik mit nichts mehr anderem in Verbindung bringen können als Gefahr und Zwang. Vielleicht steht Annika darauf, wenn Matthias sich einfach mal holt, was er möchte. Vielleicht würde Matthias zwischenzeitlich gerne mal den Kopf abschalten. Vielleicht würden sich beide liebend gerne mal einander hingeben und sich wie zwei normale Menschen gegenseitig die Seele aus dem Leib ficken. In vielen bürgerlichen Beziehungen funktioniert das ausgesprochen gut. Man spürt sich, man sieht und erlebt sich, man lässt sich aufeinander ein und irgendwann kennt man sich: Und erstaunlicherweise verringert genau diese Unvoreingenommenheit häufig die Gefahr, dass man sich ein- oder gegenseitig weh tut. Es ist im Lichte der – zum größten Teil völlig überhöht dargestellten – Gefahren natürlich gescheit, sich hin und wieder Gedanken zu machen. Aber dazu gehört es genau so, dass man keine „selbsterfüllende Prophezeiung“ nach der anderen in Gang setzt, und das Vögeln in ein psycho-physisches Minenfeld verwandelt: Ja, manchmal wird’s beim Sex Dinge geben, die sind neu und unbekannt, manchmal wird’s komische Gefühle geben und im erst im Nachhinein findet man plötzlich Gefallen daran und manchmal wird auch der Punkt kommen, wo der Partner sich rücksichtslos verhält und man daran gar nichts mehr findet: Bei Letzterem ist ein gutes mittelfristiges Ziel der politischen (feministischen) Ermutigung, dass man sich klar und bestimmt artikulieren und notfalls zur Wehr setzen kann. Aber das hat mit Definitionsmacht rein gar nichts zu tun, denn die ist ja bekanntermaßen nur eine Art Schadensbegrenzung für prinzipiell wehrlos gehaltene Frauen. Und jetzt wird’s erstaunlich konkret: Wie viel Gewalt und sinnlosen Zwist hätte man vermeiden können, wenn es für Leute, die es für sich für notwendig halten, ein ähnlich weit wie „Defma“ verbreitetes Prinzip geben würde, dass dem „Safeword“ aus der BDSM-Szene nachempfunden wäre? Die sexuelle Handlung wird sofort abgebrochen, wenn es genannt wird. Oder die „Safeword-Ampel“: Bei „grün“ geht’s weiter, bei „gelb“ geht’s langsamer oder später und bei „rot“ ist vorbehaltlos Schluss. Wer ein „rot“ nicht akzeptiert, ist dann im Übrigen tatsächlich im weitesten Sinne ein Vergewaltiger, das sieht auch die bürgerliche Mitte so. Für die Fortgeschrittenen empfehlen wir den Ersatz der Farbenwörter durch „ja“, „langsamer“ und „nein“ oder gar körpersprachliche Signale, wie es unter normalen Menschen üblich ist. Und bei dem ganzen würde noch nicht einmal das Spaßgefühl verloren gehen, eine außergewöhnliche sexualpolitische Strategie zu vertreten. Man kann vielseitig darüber Debatte führen und letztendlich darf jeder wieder für sich selbst entscheiden, was er für richtig und notwendig hält. Die Definitionsmacht möchte solche Vorschläge natürlich nicht hören. Sie lässt lieber tausende Menschen in mehr als streitbare Vergewaltigungsempfindungen hineinrutschen, anstatt an ihr Urteilsvermögen im Vorhinein zu appellieren. Sie definiert einfach jede im Bett übliche Geste als „Nein“ und hofft darauf, dass Matthias Gedanken lesen kann: Es ist ja schließlich die Verantwortung des potentiellen Vergewaltigers, weil alles andere ja frauenfeindlich wäre. Ob Annika vergewaltigt wurde, darf sie dann Wochen oder Monate später unter den betroffenen Blicken ihrer Unterstützergruppe im Plenum „erfühlen“. Noch verrückter: Man sagt, man müsse die Definitionsmacht auch denen ermöglichen, die kein Umfeld zu ihrer Durchsetzung hätten und lediglich schwache Anbindung an autonome Kaderschmieden. Wir möchten gar nicht wissen, was passiert, wenn man auch noch den politisch ungebundenen Freaks frei kontrollierbare Prügelkommandos zur Verfügung stellt. Genau so schlimm die Befürchtung, Definitionsmacht wäre unzureichend, weil sie ehemals als „Vergewaltiger“ definierte entschulden würde, wenn sich die einst „Betroffene“ anders besinnen würde: Seid ihr denn noch zu retten? Gerade wenn sich die Wogen glätten, ein Mensch guten Gewissens einen Schmerz ziehen lassen kann und sogar noch dem ehemals verantwortlich Gemachten verzeihen kann, ist das doch die denkbar beste Situation überhaupt. Soll da wirklich jemand aus Prinzipientreue an einer Bezeichnung festhalten, die womöglich von vornherein unklug gewählt gewesen ist? Die viel näherliegende Antwort ist doch: Begriffe wie „Vergewaltigung“, „Gewalt“, „Übergriff“ sollten wieder dem angenähert werden, was die Menschen allgemein darunter verstehen.

Die Definitionsmacht ist also als Präventionssystem ungeeignet: Der Partner kann unter den „Defma“-Bedingungen noch weniger wissen, was Sache ist, als man selbst. Was uns zu unserer provokativ gewählten Überschrift führt: Man hat uns gefragt, wie wir denn eigentlich umzugehen gedenken mit den „Täter_innen“. Wir glauben nicht, dass auch nur die Bezeichnung „Täter“ überhaupt hilfreich ist. Nach unseren Beobachtungen und Erfahrungen im Zwischenmenschlichen und Sexuellen gehen wir davon aus, dass die wenigsten Verletzungen absichtlich herbeigeführt werden. „Täter“ suggeriert Schuld – nicht nur in unseren Ohren, sondern in den Ohren der Mehrheit. Und auch wenn es wahr ist, dass der Verletzte keine „Schuld“ zugeschoben bekommen sollte, so glauben wir genau so wenig, dass man sie deswegen dem Verletzenden zuschieben kann. Die linken „Täter“ sind außerdem gar nicht so selten Menschen, die sich weitaus mehr Gedanken über Sexualethik gemacht haben als es jeder andere Mensch freiwillig tun würde: Die Definitionsmacht sagt ihnen, sie wären Alleinschuldige eines Verbrechens, das sie womöglich gemäß ihrer gesammelten Lebenserfahrung nicht so einstufen. Die Definitionsmacht sagt ihnen auch, dass ihre vielfältigen gegenteiligen Bemühungen einen Dreck wert sind vor dem einmaligen Fehltritt. Dabei sind sie manchmal sensible Charaktere mit hochproblematischer psychischer Vorgeschichte und einem entsprechend feinfühligen Wertebewusstsein. Sie wären prinzipiell zugänglich für Kritik. Die Wenigsten landen in autonomen Strukturen ohne einen gewissen Knall: es sind häufig die hochgradig Depressiven, stark Verunsicherten, Kinder prügelnder oder misshandelnder Eltern, manchmal aus Alkoholikerfamilien. Und auch die Feministen wissen ja wohl, dass der ganze prollige Habitus, den sie den „Vergewaltigern“ im gleichen Atemzug vorwerfen, meist eine eher labile Persönlichkeit kaschiert. Und diesen Gestalten sagt man: Du bist der Fehler! Man muss kein Psychologe sein, um zu wissen, dass das absolut nichts außer Verzweiflung, Selbsthass, Aggression und Hilflosigkeit provoziert. Und kein Mensch wird im Zustand völliger Zurückgewiesenheit Einsicht in was auch immer entwickeln. Selbst wenn man davon ausgeht, dass sich jemand rücksichtslos und womöglich sogar böswillig verhalten haben sollte – natürlich gibt es so was! – wird er mit Sicherheit kein aufrichtiges Bewusstsein seiner Mitverantwortung entwickeln, so lange man ihn in die Ecke treibt wie einen aussätzigen Perversen. Selbstverständlich kann man hier auf sein vermeintliches Recht pochen: Müssen wir denn auf den Bösewicht eingehen, anstatt andersrum? Die Frage ist doch: Was führt zum gewünschten Ergebnis? Die meisten unserer politischen Weggefährten sind im Herzen Kinder geblieben. Deswegen leiden sie überhaupt so stark an den gesellschaftlichen Verhältnissen. Kinder wirft man auch nicht aus der Wohnung, wenn sie augenscheinlich Fehler machen. Und übrigens: Selbst wenn die Definitionsmacht es am liebsten ausklammern würde – es gibt reichlich Fälle, in denen man davon ausgehen kann, dass Leute tatsächlich zu Unrecht einer Gewalttat bezichtigt wurden. In manchen Fällen, weil die „Betroffene“ sich unter Absegnung ihrer „Unterstützer“ in eine Empfindung hineingesteigert hat wie unsere Annika aus der Erstveröffentlichung. Manchmal haben wir auch beobachtet, dass Menschen aus Kränkung ein Ohnmachtsgefühl als Vergewaltigung bezeichnet haben: Wir wissen gar von Fällen, in denen sich Menschen gegenseitig der sexuellen Übergriffigkeit bezichtigt haben bis es regelrecht barbarisch wurde. In wieder anderen Fällen spielten psychische Krankheiten eine Rolle: Die Definitionsmacht versteht nichts von Borderline oder gar Psychosen. Manchmal war es sogar einfach nur eine kurzfristige Begeisterung für die soziale Dynamik, die man plötzlich lostreten kann – Menschen sind tatsächlich manchmal so irrational in ihren Entscheidungen, dass sie für die Neugier ein als real empfundenes Vergewaltigungsempfinden in Kauf nehmen: Die Definitionsmacht überlässt alles entscheidende ja völlig der Fantasie und der sind bekanntlich kaum Grenzen gesetzt. All solche Dinge sind prinzipiell verzeihbar. Man muss immerhin davon ausgehen, dass die Verantwortlichen hier sehr ernsthafte Leidensphasen durchlebt haben, auch wenn die Gründe dafür weniger eindeutig als empfunden gewesen sind. Auch hier wollen wir daran erinnern, was wir zum Umgang mit „Tätern“ geschrieben haben: Die linke Szene sollte ihre Stärke im gegenseitigen Verzeihen beweisen. Eine Sache allerdings sollte man nicht vergessen. Es rangiert für uns auf einer Ebene mit dem „Dir wird doch eh keiner glauben!“ eines Überzeugungsvergewaltigers und leider müssen wir davon ausgehen, dass es auch so etwas schon unter Linken gegeben hat: Wer die „Definitionsmacht“ bewusst, willentlich und wider besseres Wissen dazu benutzt hat, jemanden trotz seiner Unschuld zu verunglimpfen – der gehört tatsächlich vor die Tür getreten. Die Leute sagen, Missbrauch und Irrtum seien vernachlässigbar. Nein, nein und nochmals nein! Es widerspricht jedem ethischen Grundsatz der autonomen Linken, Bauernopfer zu bringen für eine politische Strategie. Hier geht es nicht um politische Grabenkämpfe zwischen mehr oder minder gleichberechtigten Lagern. Die Definitionsmacht nimmt neben dem ausführlich geschilderten Missbrauch ihrer „Betroffenen“ auch unmittelbare soziale, psychische und körperliche Gewalt gegen Unschuldige in Kauf. Gewalt, die nicht einmal vom Markt oder blinden Institutionen ausgeführt wird, sondern von unseren Genossinnen und Genossen: Gewalt, die man augenblicklich unterlassen kann. Und man darf sich sicher sein, dass da draußen viele verstoßene Seelen umherwandeln, deren Leben nach fahrlässiger Vergewaltigungsbezichtigung fast oder ganz in die Brüche gegangen ist – gerade weil sie so sehr sensibel sind, dass sie derartige Vorwürfe nicht einfach von sich weisen wie Hinz und Kunz. Es ist nicht nur eine gute Regel allgemeinen Miteinanders, wenn man die störrische Natur der Mitmenschen berücksichtigt: Auch im politischen Zusammenhang tut man gut daran, mit Gefühl auch auf die Leute einzuwirken, die einem nach eigener Überzeugung Schaden zugefügt haben. Zumal man sich ja, wie dargestellt, auch selbst einfach mal irren kann. Jeder, der schon mal einen langen Streit hat in Wohlgefallen auflösen können, weiß um diese befreiende Wirkung. Manch ein armer Mensch, der seit Jahren einem Anderen eine „Grenzverletzung“ grollt, an die er womöglich selbst gar nicht mehr recht glaubt, könnte davon profitieren. Wir sind davon überzeugt, dass tausenden unserer Freundinnen und Freunde ein von Schuldgefühlen und Ressentiments befreiteres Leben ermöglicht werden könnte, wenn man sich aufrichtig die gegenseitigen Verletzungen vergeben würde. Es wäre atemberaubend, wenn wir erfahren dürften, dass man im Anschluss an unsere Worte Menschen wieder zusammen- oder zumindest aus der Feindschaft führen konnte, die seit Jahren für längst verflogene Überzeugungen miteinander im Stellungskrieg leben.

Die Definitionsmacht kann man ihrer Logik gemäß noch bis zum jüngsten Gericht beibehalten. Sie wird halt durch sich selbst begründet. Aber sie hat soziale Grenzen. Man behauptet auch nach Jahren allseitiger Frustration, nach zig in die Brüche gegangenen Beziehungen, nach all der persönlichen Verzweiflung, den tiefen und zum Teil womöglich irreparablen seelischen Schäden: Das kommt alles nur, weil man’s bisher noch nicht richtig gemacht hat. Wir und die meisten Anderen sind es leid. Wenn der Preis für die Durchsetzung eines Systems so hoch ist, dann kann es selbst die edelsten Ziele nicht wert sein. Wir sind nicht im Krieg. Wir sind keine Soldaten einer politischen Ideologie. Und wir betonen es nochmal: Es gibt Alternativen zu diesem Jammertal. Niemand braucht sich heute noch zu schämen, wenn ihr die Definitionsmacht als überholt und unwürdig ablehnt. Sie hat längst kein Monopol mehr auf einen empathischen Umgang mit unserer Sexualität. Im Gegenteil: Sie hat sich als überwiegend ungeeignet erwiesen, dazu überhaupt akzeptable Beiträge zu leisten. Schaffen wir die Voraussetzungen für kreative Durchbrüche. Wir Definitionsmacht-Verweigerer appellieren an Euch: Strengt die Köpfe an und zeigt, wozu ihr fähig seid!

Keine Definitionsmacht für Niemand!

Die Definitionsmacht ist am Ende. Das weiß eigentlich jeder. Das jüngste Revival im Zusammenhang mit den „critical whiteness“-Debatten ist kein Beleg für ihre Durchsetzung – der verschärfte Ton ist ein Todeszucken. Die grundlegenden Widersprüche sind einfach zu groß. Man kann den Leuten nicht erzählen, sie sollen sich völlig von den Erkenntnisgrundlagen ihres gesellschaftlichen Lebensumfeldes entfernen. Das funktioniert alle paar Jahrzehnte im kleinen Kreis, wenn wieder mal vergessen wurde, wie beschissen es beim letzten Mal gelaufen ist. Aber dauerhaft geht es nicht. Vor vielleicht fünf Jahren galt die Definitionsmacht erneut als unumstößliche Wahrheit und als irgendwie antisexistisch radikal. Wer ein besonderer Freund der unterdrückten Frauen sein wollte, der musste bloß das einzige Axiom bedingungslos akzeptieren und rigoros verteidigen, das die Definitionsmacht bereit hält: Die Frage, was als sexueller Übergriff gilt, bestimmt eine einzige Person – diejenige, die sich davon, nach welchen Kriterien auch immer, betroffen fühlt. Jeder, der das nicht akzeptiert, ist ein Sympathisant der patriarchalen Gewalt, mithin: politischer Feind. Das ist für die meisten eine einfache Welt mit einer noch nie da gewesenen Eindeutigkeit von „Gut“ und „Böse“. Das ist ein erhebendes Gefühl, besonders für die Antifas, Autonomen, Feministen, die jeder mit deutschsprachiger Szeneerfahrung kennt: Sie lieben ihren Lifestyle mit einer Mischung aus Genuss und weltschmerzelnder Tragik. Sie haben ihren hauptsächlichen sozialen Bezugsrahmen im lokalen AZ. Sie entstammen meist der Mittelschicht und haben entsprechend gute Anbindung an die hiesigen Bildungsinstitutionen. Sie sprechen fließendes Deutsch. Sie sind so gut wie nie Ausländer, eigentlich niemals „dunkelhäutig“. Eine erschreckend große Anzahl hat psychische Probleme. Sie neigen zu starren politischen Dichotomien, weitgehend unbeweglichen weltanschaulichen Glaubenssystemen: Sie halten ihre Unnachgiebigkeit für Radikalität, ihre Unverständlichkeit für Differenziertheit und ihre Aggressionsbereitschaft für Plausibilität. Diese Leute sind häufig tonangebend in linken Zusammenhängen. Man hat ihnen diese Macht aus Unbedarftheit und anfänglicher Begeisterung und in Ermangelung besserer Alternativen übertragen. Sie haben sich mit politischem Verbalradikalismus und argumentativen Allgemeinplätzen den Status erarbeitet, besonders vertrauenswürdig zu sein. Und zuschlagen können sie auch. Deswegen schützen sie die Party nach dem Kongress, das Antifa-Café oder das antimilitaristische Theorie-Camp. Dort mustern diese Leute ihr Gegenüber genau, suchen nach Abweichungen – besonders bei Leuten, die sie nicht kennen. Sie warten auf ein falsches Wort, auf verräterische Körpersprache. Sie wollen, dass die Unbekannten sich falsch verhalten, damit sie loslegen können: Aufgebrachtes Herunterrattern von einstudierten Argumenten in einem einheitlichen Jargon, manchmal von vornherein aggressiv, manchmal trotzig – und fast immer umringt von drei, vier, fünf, zehn oder gar zwanzig (meist männlichen) Sympathisanten, die auf „ihr Zeichen“ warten. Ihre Kontrahenten reagieren auf die Bedrohungssituation naturgemäß mit Panik, Hilflosigkeit, Trotz oder Angriff. In jedem Fall: Wenn sie nicht einsehen, dann sind sie dran. Dann wird es plötzlich lauter. Einer der Rundumstehenden hat mittlerweile die Quarzsandhandschuhe angezogen und schubst den Delinquenten. Wenn der sich jetzt wehrt, hat er verloren. Dann rasselt es Schläge, Tritte, womöglich zückt einer einen Teleskopschlagstock oder sprüht ein besonders starkes Pfeffergel, das er sich aus den USA bestellt hat. Man verfrachtet den Malträtierten auf die Straße, wo er sich alleine oder mit Hilfe seiner leicht verletzten Begleiter zur nächstgelegenen Haltestelle schleppt. Die Polizei kann er sich sparen: Niemand hat irgendwas gesehen und die Mehrheit der Schläger war vermummt. Diese Abfertigung wird zumindest jenen zuteil, die mit der Definitionsmacht-Szene wenig bis gar nichts zu tun haben und schlicht mit ihrem normalen Habitus auf der falschen Musikveranstaltung gelandet sind. Noch weitreichender sind die Konsequenzen für die Integrierten, für die Leute „aus der Szene“.

Matthias ist 23 und macht seit sechs Jahren Antifa-Arbeit. Er schreibt Redebeiträge, ist im Lesekreis, läuft in Demo-Ketten mit – gerne erste Reihe, denn er ist etwas größer als der durchschnittliche Antifa, trainiert im Fitness-Studio und macht Krav Maga. Es schmeichelt ihm, dass man ihn häufig für die handfesten Auseinandersetzungen empfiehlt. Er geht gerne zum Fußball, trinkt wenig Alkohol und feiert und pöbelt gerne auf Elektro-Parties. Viele Feministinnen finden ihn zum Kotzen, denn er buttert gerne Leute in Diskussionen runter. Aber wie das halt so ist, geht von dem rebellischen Image ein gewisser Reiz aus. Deswegen ist Matthias selten alleine und fickt, wie die meisten seiner politischen Weggefährten, weibliche Antifa-Ultras und die eine oder andere Besetzerin. Mal kommt es zur Beziehung, mal bleibt es nur ein One-Night-Stand. Annika, 20, ist erst seit zwei Jahren in der Szene. Es fällt ihr nach wie vor schwer, in den männerdominierten Diskussionen mitzuhalten. Sie interessiert sich außerordentlich für die theoretischen Veranstaltungen, denn sie ist es satt, auf den Vorträgen immer nur in der Küche zu stehen. Sie tanzt ebenfalls gerne auf Parties, zieht hin und wieder etwas Speed, hat mit dem Joggen angefangen, um bei zukünftigen Aktionen besser mitzukommen. Annika hatte eine Menge beschissener Beziehungen, besonders in der Zeit vor ihrem politischen Aktivismus. Mit ihrem letzten Freund ist es gerade zu Ende gegangen. Sie musste die WG verlassen, in der sie gemeinsam gewohnt haben, und hat das Gefühl, dass sich viele ihre Freunde auf seine Seite geschlagen hätten. Die Queer-Party an diesem Wochenende ist eine gute Gelegenheit, den angestauten Frust loszuwerden.

Matthias verbringt den Party-Abend mit den Leuten vom „Schutz“ an der Tür. Er trinkt etwas mehr als gewöhnlich. Schon beim Reinkommen fällt ihm Annika auf, die er bislang nur flüchtig vom ein oder anderen Plenum kennt: Er lächelt sie an, sie lächelt zurück. Auch sie kennt Matthias, konnte ihn aber bislang nicht gut leiden. Viele ihrer Freunde und Freundinnen aus dem queer-feministischen Umfeld reden nicht gut von ihm: Der prollt ständig rum mit Prügel-Geschichten, trägt selbst auf Parties sichtbar die Spange mit dem Pfefferspray an der Hosentasche und, überhaupt, wie laut der immer redet und die ganze Macker-Attitüde. Stunden später, die Party ist im vollen Gange, auch Annika hat mittlerweile mehr getrunken als gewöhnlich. Sie tanzt zu Audiolith-Klängen durch die Menge und findet sich plötzlich Matthias gegenüber – sie tanzen miteinander und irgendwann küssen sie sich. Nach einer Stunde schwitzigem Rummachen verschwinden sie von der Party, ohne zu irgendjemandem „Tschüss“ zu sagen. Matthias wohnt ganz in der Nähe und bei ihm zuhause angelangt landen sie ruck-zuck in seinem Bett. In diesem Moment denkt keiner an den Antisexismus-Reader, der im Eingangsbereich der Queer-Party ausliegt. Matthias denkt nicht an die warnenden Worte seiner Freunde, sich nicht mit „den Harcore-Feministinnen“ einzulassen und Annika denkt nicht daran, ob es eigentlich ihren Prinzipien widerspricht, wenn ein Typ ihr beim Sex auf den Hintern schlägt. Nachgefragt hat er nicht. Zugestimmt hat sie auch nicht. Das kam ihnen in diesem Moment gar nicht in den Sinn.

Einige Zeit nach dem Intermezzo zwischen Annika und Matthias zeichnet sich ab, dass die beiden nicht für eine Beziehung miteinander geeignet sind. Matthias hat eh nur Politik im Kopf und Annika hat die Schnauze voll davon, dass er bei Diskussionen immer Recht behalten muss. Sie haben noch ein paar mal was miteinander, aber wirklich Spaß macht es beiden nicht. Matthias beendet die ganze Sache und konzentriert sich wieder auf seinen Fußball-Aktivismus. Annika zieht sich ebenfalls zurück und verbringt wieder mehr Zeit im TransLesbenFrauen-Café. Dort berichtet sie ihren Freunden von der Geschichte. Je mehr sie ins Detail geht, desto entsetzter reagieren ihre engsten Vertrauten: Ob sie das nicht „komisch“ fände, wenn er sie einfach so schlägt, ohne zu fragen? Das wäre ja schon okay, wenn man das ausgemacht hätte, aber einfach so? Wie sie sich denn die Zeit danach so gefühlt habe, will ihre beste Freundin wissen. Annika denkt nach und kommt zum Schluss: Nicht so sehr gut. Matthias wäre regelrecht kaltherzig gewesen und beim Sex auch nicht gerade rücksichtsvoll. Annikas Freundin guckt sie mit einer Mischung aus Mitleid und Verständnis an: Es sei jetzt „ganz wichtig“, dass sie „gut auf sich hört.“ Annikas Kopf pulsiert. Auf dem Weg nach Hause drängen sich die Argumente immer klarer auf: Matthias hat sie vergewaltigt.

Wochen später hat sich eine in Szene-Kreisen mehr als bekannte Situation eingestellt: Über diverse Mailing-Listen und interne Foren warnt eine größtenteils anonyme „Unterstützer_innengruppe“ vor „M., dem Vergewaltiger“. Er habe sich uneinsichtig gezeigt, unwillig, „seinen Täterstatus zu reflektieren“ und suche „auf provokative Weise Rückendeckung bei seinem männlichen Umfeld.“ Alle Gruppen und Locations seien aufgerufen, die politische Zusammenarbeit mit ihm einzustellen und Hausverbote auszusprechen. So gebiete es der Respekt vor den „Bedürfnissen der Betroffenen“. Matthias engstes Umfeld ist zutiefst verunsichert, denn keiner möchte gerne weiter als nötig in die Schusslinie gezogen werden. Manche ehemaligen Kumpanen sind sogar gegen ihn aggressiv geworden, als er auf das erste Hausverbot nicht gleich reagiert hat. Schon munkeln einige Leute, Matthias WG würde sich nicht eindeutig genug positionieren. Bei den konsequenteren „Defma“-Vertretern ist es schon längst beschlossene Sache: Wer jetzt noch zu Matthias hält, der ist ein Täterschützer. Annika geht es unterdessen extrem schlecht. Sie ist ständig erkältet, hat starken Reizhusten. Sie möchte nicht mehr gerne weggehen, weil die Leute sie alle so komisch angucken. Ihre Freunde aus dem Queer-Café hatten zwar zugesagt, sie aus der Sache rauszuhalten und ihr zu jeder Tages- und Nachtzeit beizustehen, aber nach einigen aufreibenden Gesprächen hilft ihr das auch nicht weiter. Sie ist es satt, ständig gefragt zu werden, was denn jetzt eigentlich ihre „Wünsche“ wären. Die Sache ist im Rollen und für Annika längst nicht kontrollierbar. Eigentlich sieht sie sich nicht gerne als „Opfer“. Aber das Umfeld beschwichtigt: Es ginge jetzt darum, wieder „Kontrolle über ihr Leben“ zu gewinnen. Und bloß weil die Anderen sich stur stellen und „einen Diskurs zu Gunsten des Täters fahren“, soll sie nicht „ihre Perspektive“ in Zweifel stellen: Das sei ihr gutes Recht und wiederum „sehr wichtig“. Die Leute würden ihre „Retraumatisierung“ in Kauf nehmen und davor gilt es, sich zu schützen. Annika geht seit einem Jahr zu einer Psychologin. Auf Empfehlung einer Freundin hat sie neuerdings zwei Termine die Woche, um „das Geschehene aufzuarbeiten.“ Aber ihre Psychologin reagiert nicht so, wie sie es sich versprochen hat. Die „Definitionsmacht-Debatte“ scheint sie nicht gut nachvollziehen zu können. Und sie reagiert auch nicht aufgebracht, sondern lediglich mit ernstem Schweigen, wenn Annika die Argumente wiederholt.

Annika geht es schlecht. Matthias geht es auch schlecht. Eigentlich geht es niemandem gut. Höchstens den Leuten, für die Definitionsmacht einen Großteil ihrer politischen Identität ausmacht. Denn sie fühlen sich im Recht. So richtig lange hält das aber auch nicht an. Dann wird man irgendwann sauer, dass die Anderen nicht mitspielen und dann setzt Resignation ein. Das bisherige Gefühl der politischen und ethischen Auserwähltheit weicht einer vollständigen Frustration. Und auf diese Frustration folgt die nächste Welle von Aggression. Gut geht es den überzeugten „Defma“-Vertretern also auch nicht. Sie klammern sich lediglich daran, dass ihre politische Lieblingsstrategie angeblich irgendwo im Universum die Ergebnisse bringt, die sie sich davon versprechen. Und weil das theoretisch so sein müsste, wollen sie nicht wahrhaben, dass das eigentlich niemals der Fall ist. Ganz im Gegenteil: Die Definitionsmacht treibt Menschen auseinander. Sie setzt alle Beteiligten dem Druck aus, sich für jetzt und die Zukunft eindeutig zu positionieren. Sie schafft ein Denkschema, das zwischenmenschliche Probleme zu einer Frage der politischen Lagerzugehörigkeit macht. Sie schafft Empfindungen, ausgeliefert zu sein: ausgeliefert an das wankelmütige Umfeld provisorischer „Unterstützergruppen“; ausgeliefert an die Gunst einer politischen Subkultur, deren menschliche und ideologische Zusammensetzung sich manchmal alle paar Monate ändert; und ausgeliefert an die regelrechte Pflicht des passiven Opfers: Wer jemals eine Definitionsmacht-Debatte gegen einen Anderen durchsetzt, der sollte unter Garantie keinen Rückzieher machen, wenn er nicht auf böswillige Art und Weise zerfleischt werden möchte. Die Definitionsmacht entfernt „die Betroffenen“ außerdem vom schützenden gesellschaftlichen Umfeld: Kein Vater und keine Mutter, die wenigsten Psychologen und erst recht kein bürgerlicher Freundeskreis können die Spezialkonstellation von Momentverfassung, politischer Überzeugung und sozialem Chaos der innerlinken Szene-Strukturen angemessen nachvollziehen und berücksichtigen, wenn die Getriebenen panisch um Hilfe flehen. Im schlimmsten Fall distanzieren sich die fremdernannten „Opfer“ von allen Vertretern der „Täterperspektive“ und versinken in der kleinen Sub-Subkultur der Definitionsmacht-Hardliner. Jeder, der schon mal einen Blick in einen gähnend leeren TransLesbenFrauen-Schlafraum geworfen hat, kann sich denken, dass das kein schönes Leben ist. Und kein gesunder Menschenverstand kann in einer solchen Situation noch auflösen. Wie so oft in autonomen Zusammenhängen haben ideologische Unstimmigkeiten, menschliche Machtstrukturen und das trügerische Gefühl, „das Richtige zu tun“, Menschen unwiderruflich zu Feinden gemacht. Vielleicht hätte Annika demnächst einen Typen gefunden, der besser zu ihr passt. Vielleicht hätte irgendwer Matthias verständlich machen können, dass man Leute in Kurzzeitaffären schnell mal auf dem falschen Fuß erwischen kann, damit er in Zukunft vielleicht noch etwas einfühlsamer wird. Vielleicht wären sie ohne Definitionsmacht später doch noch mal zusammengekommen. Aber solche Wege sind verstellt. Annika darf kann sich nur noch zwischen verschiedenen „Schutzräumen“ bewegen und Matthias zieht sich ins unpolitische Ultra-Spektrum zurück, weil weder er noch irgendjemand anderes Bock auf „Täterarbeit“ hat. Politische Arbeit machen beide nicht mehr wirklich. Die Definitionsmacht fordert allseitige Ergebenheit, sie ist undurchlässig, repressiv und widersprüchlich. Sie kann beseitigt werden, ohne, dass man sich die Finger schmutzig macht. Sie kann ersetzt werden durch menschennähere Umgangsformen. Sie kann verschwinden, ohne dass sich ihre bisherigen Befürworter und Gegner schämen müssten, sie derartig lange verehrt zu haben. Es wäre ein Zeichen von menschlichem und politischem Mut, wenn sich „die Szene“ aus dieser Verstrickung befreien könnte. Sie verfügt über ein Grundmaß an Empathie und Vernunft, das ihr neue Wege eröffnen kann. Sie darf diese Wege gehen.